
Evi Kliemand
1946 in Grabs, Schweiz
Figurine (Rite de passage)
Zeitungspapier, Tonbecher, Farbe
Bildmass: 18.5 x 20 x 7.8 cm
KML 2003.57
Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz / Schenkung Dr. Ralph Kellenberger, St. Gallen
Evi Kliemand ist Malerin, Schriftstellerin, Lyrikerin, Publizistin und Kulturvermittlerin. Innerhalb ihres vielfältigen künstlerischen Schaffens stellen die fünf kleinen Figurinen (Rites de Passage) eine eigenständige Werkgruppe dar.
Kliemand formte sie einzig mit Wasser aus Zeitungspapier, das über Nacht eingeweicht seine Druckerschwärze dem Wasser übergeben und dessen Nachrichten sich teils verflüchtigt haben. Auch die Sockel zweier Figurinen, umgekehrte Becher, stammen aus der greifbaren Umgebung. Entstanden sind die Arbeiten teils im Spital. Kliemand schuf sie für ihren Freund, den Kulturwissenschaftler Ralph Kellenberger (1952–2002), den sie auf seinem schweren Krankheitsweg begleitete.
In seinem Essay «Damit leben: Götter-Welt.»1 verwendet Kellenberger den Begriff Rites de passage2 und verweist in Anlehnungen an den Philosophen Bernhard Waldenfels auf die Vorstellungen des Buddhismus, in denen der Weg der Seele als Wanderschaft verstanden wird.
Somit eröffnet der Titel Rites de Passage eine metaphorische Ebene: Die Figurinen, ein Engel, ein Buddha sowie drei kleine Boote oder Archen erscheinen als Zeichen des Geleits und der Fürsorge, aber auch als Ausdruck von Trauer und des Übergangs. Aus vergänglichem Zeitungspapier geformt, bewahren die Figurinen die Spuren der Hände, die sie geschaffen haben, und werden zu stillen Zeugen jener Schwelle zwischen Leben und Tod.
Christiane Meyer-Stoll
die Stille wird in uns
zurückgefaltet
der dröhnende Durchbruch
außerhalb der Zeit
auch ohne ein Wissen
um Sternverschränkung
wild ist der Tanz
von jenseits
von jenseits
Erfahrung genug
um vergessen zu können
für heute
für heute 3
1 Publiziert in: Farben aus der Ferne. Reisefotografie von Leon Kellenberger
2 Der Begriff geht auf den französischen Ethnologen Arnold van Gennep zurück. Sein 1909 veröffentlichtes Hauptwerk Les Rites de Passage zählt zu den grundlegenden Werken der Ritualforschung. Van Gennep versteht Übergänge von einem sozialen, kulturellen oder kosmischen Zustand in einen anderen als «Übergangsriten» und gliedert diese in drei Phasen: Trennung vom bisherigen Zustand, Schwellen- oder Übergangsphase und Angliederung an einen neuen Zustand.
3 Evi Kliemand, Wer immer ein Herz hat (und die anderen Stimmen). Blätterwerk II, S. 146.